Teil der Weinkelter von Ponteggia.
|
Der untere Bereich der sonnenbeschienenen Talhänge des Bergells und der Talflanke von Mese bis nach
Samolaco war bis nach der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast ganz mit Weinbergen bedeckt,
so wie auch das Gebiet von Prata bis Malaguardia. Die ersten Rebstöcke pflanzte man bereits im Mittelalter,
als in der Folge des Bevölkerungszuwachses jeder Berghang bebaut wurde. Man rodete und schuf
Terrassen, die "Ronchi", die Teil des Landschaftsbildes geworden sind und ein Beweis des
Fleißes und der aufopfernden Arbeit von Generationen von Bauem, die eine nicht immer wohlgesinnte
Natur zu beherrschen verstanden und mit ihr zu leben wußten.
Diese Weinberge, die bis zum Ende der Sechziger Jahre teilweise nur noch aus Liebhaberei gepflegt wurden,
sind heute so gut wie verlassen und der Wald holt sich zurück, was ihm der Mensch vor
Jahrhunderten abgerungen hat. Zahlreich waren die Weinkeltern wo man die Trauben bis zum
letzten Tropfen Most presste. Wie im Mittelalter gebaut, sind sie ethnographisch wichtige Elemente,
die jedoch in alten halb verfallenen Häusern ihrem Schicksal überlassen wurden. Jene in Ponteggia
di Villa und S. Croce di Piuro wurden iedoch restauriert und können besichtigt werden, sowie eine
weitere bei den Ställen der Ronchi ebenfalls in Piuro. Eine andere Weinpresse aus der "Vigna" von
Villa wurde zerlegt und im Museum in Chiavenna wieder aufgebaut. Manchmal findet man noch zwischen
den Häusergruppen in den Rebgärten die aus Stein gearbeiteten Überreste.
Den Wein lagerte man wie
den Käse und die Würste in den Crotti. Diese sind eine Charakteristik des Valchiavenna, wo kein Mangel
an Felsblöcken herrscht, die bei Bergrutschen zu Tal gestürzt sind. Die Menschen entdeckten, dass am
Fuß der zyklopenhaften Abbrüche, durch die Spalten zwischen den einzelnen Felsbrocken die Luft strömte,
mit einer das ganze Jahr über konstanten Temperatur und man umbaute diese Stellen mit rustikalen Hüttchen,
um auf diese Weise das Mikroklima zur Lagerung von Lebensmitteln zu nutzen. Im 19. Jahrhundert wurde sogar
das in Chiavenna gebraute Bier in den Crotti von Pratogiano zur natürlichen Gärung eingelagert.
Das Crotto (mehr als 80 im ganzen Tal) war für die Bewohner des Valchiavenna nicht nur ein natürlicher
Kühlschrank, sondern ist auch heute noch ein Ort, wo man mit Verwandten und Freunden fröhlich zusammensitzt,
Geschichten erzählt und Lieder singt. Kühl ist der Wein, den man abzapft und an den Steintischen
in geselliger Runde trinkt, wo auf Holztellern Bergkäse, Salami, Bresaola, Schinken und
luftgetrocknetes Ziegenfleisch serviert werden.